Lange Gänge mit kaltem, künstlichem Licht, piepende Apparaturen, Menschen, die Verbände tragen, an Krücken laufen oder gar bettlägerig sind – wer einmal als Patient oder Besucher in einem Krankenhaus war, weiß um die Ängste, die man hier entwickeln kann. Vieles ist dem Laien fremd, und Unbekanntes macht oft Angst. Hinzu kommt, dass man als Patient oder Angehöriger bzw. Freund immer nur dann in ein Krankenhaus kommt, wenn eine Krankheit droht oder schon ausgebrochen ist, möglicherweise sogar mit tödlichem Ausgang. Auch das macht Angst, ebenso wie die Unsicherheit, ob man selbst, der Angehörige oder Freund wieder genesen wird, das ist vollkommen nachvollziehbar.

Viele Menschen fühlen sich in dieser Situation hilflos. Daher stellt sich für die Mitarbeiter im Krankenhaus die Frage, wie sie mit den Ängsten der Patienten und Angehörigen umgehen können und sollten.

Ein Mann, bei dessen Ehefrau im Krankenhaus ein Glioblastom ohne Aussicht auf Heilung diagnostiziert worden war, erzählt von seinen Erfahrungen: „Für mich war es natürlich erst einmal ein ganz furchtbares Erlebnis. Solange noch keine Diagnose gestellt war, befanden meine Frau und ich uns in völliger Ungewissheit. Diese Phase habe ich eigentlich als noch schlimmer empfunden als dann später die Diagnose und die anschließende Zeit bis zum Tod meiner Frau. Man weiß nicht, was ist und was wird. Ich glaube, wir haben uns beide nur ohnmächtig gefühlt. Die Krankenschwestern auf der Station waren uns aber eine große Hilfe, auch in der ersten Phase. Sie haben uns wirklich nach Kräften getröstet und gut zugeredet, ohne uns aber falsche Hoffnungen zu machen. Das hat uns Sicherheit gegeben – das gute Gefühl, dass jemand für uns da ist. Und das war einfach sehr wichtig. Als dann die Diagnose kam, waren wir recht gefasst. Der Arzt hat uns alles sehr ruhig und sachlich erklärt und hat sich auch Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten. Wir hatten nie den Eindruck, als würde er von einem Patienten zum nächsten hetzen, auch wenn er eigentlich nur wenige Minuten bei uns verbracht hat. Es war also weniger die Zeit als seine Ausstrahlung, seine Art, mit uns umzugehen, die uns trotz der furchtbaren Nachricht beruhigt hat.“

Es wäre natürlich optimal, wenn alle Patienten und Angehörigen sich mit ihren Ängsten so gut aufgehoben fühlen würden wie der Mann in dem geschilderten Fall. Die Realität sieht jedoch leider überwiegend anders aus, wie eine Ärztin bestätigt, die in der Onkologie arbeitet und nicht namentlich genannt werden möchte: „In den Häusern, in denen ich bislang gearbeitet habe, ist vieles dem Kostendruck untergeordnet. Wenn man auf möglichst effiziente und damit auch kostengünstige Betreuung der Patienten achten muss, bleibt faktisch keine Zeit dafür, sich um deren Ängste angemessen zu kümmern. Diese Aspekte werden einfach bei der Planung zu wenig berücksichtigt. Fünf Minuten reichen da oft nicht aus, gerade bei Schwerkranken nicht. Aus menschlicher Sicht kann ich das ja auch verstehen. Im Beruf muss ich dennoch einfach die Zähne zusammenbeißen und kann auf Fragen kaum reagieren, weil ich schon wieder etwas anderes erledigen muss.“

Dass dies nicht nur den Ärzten, sondern auch dem Pflegepersonal so geht, ist naheliegend und wird auch von der Ärztin bestätigt: „Ja, klar, das ist kein Problem, das nur uns Ärzte betrifft. Das geht praktisch allen so, die medizinisch und pflegerisch in einem Krankenhaus tätig sind.“

Doch manchmal ist nicht nur Zeitnot die Ursache dafür, dass manche Ärzte sich gegenüber Patienten oder Angehörigen förmlich abzuschotten scheinen. Die Ärztin berichtet von Kollegen, die sich von ängstlichen Patienten mitunter überfordert fühlen und ihnen dann eher aus dem Weg gehen. Man kann hier beide Seiten verstehen: Auf der einen Seite die ängstlichen Patienten, die von den Ärzten zu viel erwarten und erhoffen – sehen sie in den Medizinern doch in einer äußerst schwierigen Situation die letzte Rettung. Und auf der anderen Seite die Ärzte, die nur wenig Zeit haben und eben nicht all die Erwartungen erfüllen können, die an sie gerichtet werden.

Wer aber denkt, das Personal im Krankenhaus sei immun gegen Ängste, der täuscht sich. Für eine aktuelle Untersuchung wurden Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern zu diesem Thema befragt, und die Ergebnisse sind eindeutig: Ängste sind auch unter den Mitarbeitern weitverbreitet – viel weiter, als man es zuvor angenommen hatte. Die Ursachen für die Ängste von Krankenschwestern und Ärzten sind vielfältig: Eine große Zahl der Befragten äußerte die Angst vor Fehlern bei der Arbeit, sei es aufgrund des Zeitdrucks, aufgrund von Übermüdung oder auch aufgrund mangelnder Erfahrung. Letzteres sagten insbesondere Berufsanfänger. Als weiterer Auslöser von Ängsten wurde genannt, sich unsicher im Umgang mit Patienten oder Angehörigen zu fühlen, vor allem beim Überbringen von schlechten Nachrichten. Darauf, so die Mehrheit der Befragten, werde man während der Ausbildung viel zu wenig vorbereitet. Etwas überraschend ist schließlich vielleicht die Äußerung von Ärzten, sie hätten mitunter vor allem dann Angst, wenn sie Kollegen – also andere Ärzte – behandeln müssten. Sie befürchteten plötzlich, etwas falsch zu machen, sich gar in der Diagnose zu irren oder nicht die optimale Behandlung vorzuschlagen.

Ein kleiner Teil der Befragten gab an, Angst während der eigenen Tätigkeit im Krankenhaus gar nicht zu kennen, dafür aber sehr wohl als Patient oder Angehöriger schon einmal Angst gehabt zu haben. Die Gründe für die Ängste sind dann die bereits genannten: Die Tatsache, dass man selbst oder ein nahestehender Mensch krank ist, sei an sich schon beängstigend, und die Ungewissheit sei schwer zu ertragen.

Nun gibt es zwar einige Krankenhäuser und Kliniken, die den Umgang mit Ängsten als einen zentralen Aspekt der Behandlung betrachten und Workshops sowie Gesprächsgruppen zu dem Themenkomplex anbieten – gleich ob es um Ängste der Mitarbeiter geht oder um die der Patienten oder Angehörigen. So löblich dies auch ist: Die Frage nach der Umsetzbarkeit bleibt offen, solange der Faktor „Zeit“ eine so wichtige Rolle spielt.

Fragen zum Text

  1. Warum empfinden viele Menschen ein Krankenhaus als angsteinflößend?
  2. Welche zusätzliche Unsicherheit verstärkt die Angst von Patienten und Angehörigen?
  3. Wie beschreibt der Mann die Zeit vor der Diagnose seiner Frau?
  4. Welche Rolle spielten die Krankenschwestern in der ersten Phase der Krankheit?
  5. Was war laut dem Mann entscheidend für sein Vertrauen zum Arzt?
  6. Warum können sich Ärzte und Pflegepersonal oft nicht ausreichend um die Ängste der Patienten kümmern?
  7. Welche Ursachen für Ängste beim medizinischen Personal werden in der Untersuchung genannt?

Ergänze die Sätze

  1. Viele Menschen haben Angst im Krankenhaus, weil …
  2. Besonders belastend ist für Patienten und Angehörige, dass …
  3. Die Zeit vor der Diagnose wird als schlimm empfunden, weil …
  4. Die Krankenschwestern halfen dem Mann und seiner Frau, indem sie …
  5. Der Arzt konnte beruhigen, obwohl …
  6. Im Krankenhaus fehlt oft die Zeit, um …
  7. Ärzte und Pflegepersonal haben selbst Angst, wenn …

Über Angst sprechen. Hörtext

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